Wednesday, September 14, 2011

Die Grüninger-Religion


Ein falscher Held wird mehrheitlich durch die SP aufgebaut. Der eigene verdienstvolle Ex-Zentralsekretär wird deshalb praktisch in Vergessenheit gedrängt.
Es ist schwer zu verstehen, warum in der Schweizer Öffentlichkeit, aber auch bei der SP, an der zweifelhaften Figur Paul Grüningers als vermeintlicher Judenretter dermassen festgeklammert wird und er in breiteren Kreisen praktisch als Neo-Wilhelm Tell gilt.
Es gibt zahlreiche ernst zu nehmende Beweise und Indizien, dass dieser ehemalige St. Galler Polizeichef 1938/39 nicht aus edlen Motiven jüdische Flüchtlinge illegal in die Schweiz hereinliess, sondern als korrupter Polizist auch im Dienst von Nazis agierte, die Juden damals bekanntlich "nur" vertreiben und noch nicht vernichten wollten (siehe meine Broschüre von 2003).
Grüninger Affäre
Die Geschichte um Grüninger ist insofern fast lustig, da dieser, der ja im besten Fall ein FDP-ler war, durch SP-ler, wie den Politiker Paul Rechsteiner und den Journalisten Stefan Keller, zu einem falschen Helden gemacht wurde, währenddem der wirkliche Heroe in dieser Angelegenheit, Dr. Werner Stocker, der damalige SPS-Zentralsekretär, spätere Bundesrichter und auch sonst sehr rühmenswerte Mann, praktisch in Vergessenheit geraten ist.

Stockers "Hauptverbrechen" war es, so meine ich, überzeugt zu sein, dass Grüninger bestochen worden war, um Juden zu retten (siehe auch weiter unten). Dies erzählte der ehemalige Bundesrichter Harald Huber und höchstwahrscheinlich auch Stockers Witwe dem Grüninger-Biographen Stefan Keller. Keller bekam den bezahlten Auftrag, Grüninger zu rehabilitieren (dies hatte mir Keller 1992 selber erzählt) und nicht, dessen Mythos zu zerstören. Entsprechend entschied Keller offenbar, den Bestechungsvorwurf an Grüninger zwar in seinem Buch zu erwähnen, aber dieser Aussage – aus unnachvollziehbaren Gründen – keine Glaubwürdigkeit zu schenken. Dies, obwohl der Vorwurf durch eine zusätzliche unabhängige Quelle bestätigt wurde: Es gab einen entsprechenden Spitzelbericht aus den Reihen der SP:
«Eine G.P. [Gewährsperson] der K.P. [Kantonspolizei] berichtet mir, dass die Sekretäre der S.P. des Kantons Zürich und der Stadt Zürich und vermutlich auch Redaktoren des ‹Volksrechtes›, spez. aber Dr. Stocker im Einvernehmen mit Hptm. Grüninger ... einen regelrechten Schlepperdienst von politischen Flüchtlingen und Juden bei Buchs und St. Margrethen eingerichtet haben, der schon über ein Jahr bestehe. Hptm. Grüninger soll jeweils die Abstempelung und Kontrolle der Pässe dieser eingeschleppten Personen besorgen und hiefür von jüdisch-marxistischer Seite sehr gut finanziert werden.
(...) Meine G.P. hat ihre Kenntnisse rein zufällig in Genossenkreisen erhalten
 (siehe meine Broschüre auf Seite 14).


Keller schildert in seinem Buch übrigens ein viel differenzierteres Bild Grüningers, als dies in der öffentlichen Wahrnehmung realisiert wurde und wird. So fielen einem WoZ-Leser bereits 1992, nach der Lektüre der Grüninger-Serie in dieser Schweizer Wochenzeitung, zahlreiche Ungereimtheiten auf. Sein kritischer Leserbrief wurde von der WoZ jedoch nicht abgedruckt.
Als Stocker 1964 starb, sagte der damalige Präsident der jüdischen Dachorganisation Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (SIG), Georges Brunschvig:
«Wir wissen aus eigenem Erleben, welch einzigartigen Beitrag an die geistige Landesverteidi­gung der Schweiz der Verstorbene in den finsteren Jahren der nazistischen Bedrohung geleistet hat. Herr Werner Stocker ist überzeugungsstark und weitblickend den Feinden der Demokratie wie den Anpassern und Leisetretern von Anfang an unbeirrbar und kompromißlos entgegengetreten. Wir wissen aber auch, mit welcher Leidenschaft er sich stets für die Hochhaltung der schweizerischen Asylrechtstradition eingesetzt hat und vielen der Bedrohten und Verfolgten er Hilfe und Rettung brachte, wobei er große per­sönliche Risiken freudig auf sich nahm, einzig dem Gewis­sen und nicht engherzigen Vorschriften folgend. Wir werden dieses edlen Menschen stets in größter Verehrung und tiefer Dankbarkeit gedenken. »
Dieses Versprechen wurde aber nicht wirklich eingelöst. Und wenn man heute viele SP-ler – sogar ältere Semester, darunter auch Historiker – fragt, dann sagt der Name Werner Stocker der überwiegenden Mehrheit nichts. Dabei hätte gerade die SP allen Grund, auf diesen Mann stolz zu sein und ihn als Vorbild zu feiern.
Stocker, Sohn eines christkatholischen Pfarrers aus Möhlin (AG), schlug einen ungewöhnlichen Weg ein. 1931 insistierte
der frischgebackene 27jährige Doktor iuris ausgerechnet beim jüdischen Rechtsanwalt Moses Silberroth in Davos auf eine Substitutenstelle. Beide wurden zu bekannten Grössen im Kampf gegen die Nazis in diesem bündnerischen Kurort. Mit der Zeit engagierte sich Stocker bei der praktischen Hilfe für Spanienkämpfer, die auf Durchreise über die Schweiz waren und welche auch Grüninger und seine Nazi-Freunde zu verhindern suchten. Von 1937 bis 1946 diente Stocker in Zürich als Zentralsekretär und war die Hauptfigur in der Flüchtlingshilfe der SP sowie des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH). Seine Tätigkeit war nicht nur jene als Funktionär im Büro und in politischen Gremien, er war auch aktiv an der Grenze. Sein ältester Sohn, der inzwischen verstorbene Hanspeter (Jg. 1932), konnte sich kaum an eine Nacht während der Nazi-Zeit erinnern, ohne dass bei ihnen "daheim nicht mehrere illegale Flüchtlinge hausten".
Das Archivmaterial zeigt, dass der warmherzige und vielbeschäftigte Stocker sich nicht einmal zu schade war, in Briefkontakt mit jüdischen Flüchtlingen zu bleiben, die dank seiner Hilfe weitergereist waren und Zuflucht im Ausland fanden.
Es ist klar, dass Stocker die treibende Kraft, sowohl organisatorisch, politisch wie auch praktisch hinter der SP/SAH-Flüchtlingshilfsarbeit war. Stocker initiierte und koordinierte die Fluchthilfe im Kanton St. Gallen und schreckte dabei auch nicht vor illegaler Tätigkeit zurück, was ihn in Konflikt mit der Justiz-Behörde brachte. Ein Verfahren gegen ihn und Mitstreiter wurde dann aber eingestellt. Frau Stocker (s.a. unten zitierter -Brief Hubers), und nicht nur sie, war der Überzeugung, dass u.a. Grüninger dieses Strafverfahren auslöste habe.
Das Grüninger-Festival geht weiter
Gemäss NZZ vom 7. September  sollen jetzt ein Spielfilm, ein Theaterstück und eventuell eine Gedenkstätte lobend an den Alt-Polizeihauptmann erinnern.
Auf einen kritischen Leserbrief von Ruedi Bosshart aus Zürich (Kommentar Nr. 2) antwortete der NZZ-Ostschweiz-Korrespondent und Buchautor Jörg Krummenacher:
 "Ich danke Ihnen für Ihren Leserbrief, der sich auf eine nun schon viele Jahre zurückliegende Kontroverse bezieht. Tatsächlich haben sich die Thesen von Shagra Elam nie belegen lassen. Ich darf dies deshalb sagen, weil ich als Autor des Buchs „Flüchtiges Glück“ zur Flüchtlingsgeschichte des Kantons St.Gallen die damaligen Vorgänge unvoreingenommen, ausführlichst und mit Zugang zu allen Archiven recherchiert habe. Was Werner Stocker betrifft, so habe ich zusammen mit der Paul-Grüninger-Stiftung erreicht, dass die Flüchtlingshilfe seiner Gruppe von der Bundesversammlung mit einer Ehrenerklärung gewürdigt wurde. Es gab, neben Grüninger, rund 50 namentlich bekannte Personen, die sich für die Flüchtlinge eingesetzt haben und eine entsprechende Würdigung verdient haben."

Dass Krummenacher meinen ausländischen Namen nicht richtig buchstabieren kann, ist nicht so schwerwiegend wie seine unprofessionelle Behauptung, dass meine "Thesen" sich nie haben belegen lassen und dass er angeblich alle relevanten Archive konsultiert hätte.

Prinzipiell ist festzustellen, dass es keine endgültige und abschliessende historische Forschung geben kann. Es könnten immer neue Fakten auftauchen, und der Anspruch, in allen Archiven recherchiert zu haben, ist ebenfalls unhaltbar. So schaffte es bislang niemand – soweit mir bekannt ist – die einschlägigen deutschen Bestände zu finden, die Dokumente über die bewiesenen guten Beziehungen zwischen Grüninger und Karl Süss beinhalten, der in München für die deutsche Spionage in der Schweiz zuständig war. Das heisst aber nicht, dass nicht eines Tages doch noch solche Schriftstücke auftauchen könnten.


Stossend ist vor allem, dass Krummenacher nachweislich nicht alle verfügbaren Schweizer Quellen konsultierte und in seinem Buch weder meine Befunde und Belege berücksichtigt und sie schon gar nicht widerlegt hat.
Ich habe keine Mühe damit, wenn meine Interpretation nicht akzeptiert wird. Dafür müssen aber meine Forschungsergebnisse und Argumentation sachlich entkräftet werden, was bis jetzt nicht geschah. Stattdessen wurde ich immer wieder mit Verleumdungen, Scheinargumenten und Schlammschlachten konfrontiert gegen mich und Personen, die meinen Rechercheresultaten positiv gegenüberstanden, wie den Historiker Urs Rauber von der NZZ am Sonntag.
Hier hingegen einige gut belegte Beispiele aus einer Fülle von belastendem Material gegen Grüninger:

Stellenofferte für Grüninger bei der deutschen Polizei


Nach seiner Entlassung 1939 bekam Grüninger – gemäss eigener Aussage – ein Angebot von seinen Gestapo-Freunden, bei der Polizei in Deutschland zu arbeiten.
1945 Schrieb Bundespolizeiinspektor Werner Benz: 

«U.a. machte mich Herr Hptm. Grüninger darauf aufmerksam, dass ihm im Jahre 1939, nach seiner Entlassung als Polizei-Hauptmann, vom deutschen Zollfahndungsagenten Süss, damals wohnhaft in Lindau, der Vorschlag gemacht worden sei, die Schweiz zu verlassen und nach Deutschland zu kommen. Man werde ihm dort eine Stelle als Polizeibeamter irgendwo im Osten vermitteln können
(siehe meine Broschüre auf Seite 24 ff.)
.

Diese Tatsache wird zwar auch vom Grüninger-Biograph Stefan Keller ohne Erklärung erwähnt, niemand hat aber bis jetzt eine bessere Antwort als meine eigene auf meine Frage geliefert: Wie sind diese NS-Freunde Grüningers dazu gekommen, einem vermeintlichen "Judenfreund" und einem ungehorsamen Polizist noch dazu eine Stelle ausgerechnet bei der deutschen Polizei anzubieten?


Judenfreundlichkeit und Ungehorsam waren bestimmt nicht gerade die Eigenschaften, die ein Kandidat
für diesen "Verein" haben sollte. Die befreundeten NS-Offiziere, die Grüninger das Angebot machten, wussten ja ganz genau, warum er abgesetzt worden war, und da die Angelegenheit auch in den Medien bekannt war, hätte es zudem ebenfalls eine Personalstelle der deutschen Polizei erfahren können und diese hätte sicherlich nicht einfach weggeschaut.
 
Es ist auch keineswegs so, wie ein befreundeter Historiker meint, der Grüninger nota bene verteidigt und versucht, auch diese den abgesetzten St.Galler Polizeihauptmann belastende NS-Offerte damit zu verharmlosen, dass die deutsche Polizei nicht unter dem Einfluss der NS-Ideologie gestanden habe und dort mehrheitlich unpolitische Profi-Beamten am Werk gewesen wären:
«Die deutsche Polizei pflegte lange - zu unrecht - den Ruf, während der NS-Zeit frei von Schuld geblieben und nicht in verbrecherische Machenschaften verstrickt gewesen zu seinDies belegt der Dokumentarfilm Hitlers Polizei. Die Filmemacher zeigen auf, wie stark dieser Ordnungsdienst von Nazis ideologisch und organisatorisch kontrolliert war: «Auf die Polizei können sich die Nationalsozialisten schnell verlassen. Ohne erkennbaren Widerstand werden uniformierte Polizei und Kriminalpolizei zu effektiven Instrumenten in den Händen der braunen Machthaber. Sie sorgen nachhaltig für die Stabilisierung des neuen NS-Systems in der Anfangsphase, bis hin zum sich abzeichnenden Untergang Hitler-Deutschlands. Gleichzeitig bilden diese “alten” Polizisten in der alltäglichen Arbeit das Rückgrat der Gestapo, der Geheimen Staatspolizei.» (aus der Inhaltsbeschreibung des Films).
Diese deutsche Stellenofferte für Grüninger steht nicht im leeren Raum, und der Gesamtkontext – also mehrere Fakten und Indizien – sprechen dafür, dass Grüninger im Dienste der Nazis gestanden hatte und deshalb auch dieses Angebot bekam. Denn seine deutschen Kollegen kannten ihn und wollten offensichtlich seine Existenz als geplatzter Agent sichern. Eine andere Erklärung dafür ist nicht plausibel. Sogar Krummenacher selber weist in seinem Buch auf Dienste, die Grüninger den Nazis leistete. So habe Grüninger der Gestapo (ohne Absprache mit Bern oder seinem Vorgesetzten) Rechtshilfe gewährt, «als diese vorgab, auf sankt-gallischem Boden nach einem Dieb fahnden zu wollen, tatsächlich aber einen [vermeintlichen] Saboteur verfolgte


Grüningers Schweizer Nazi-Freunde
Es gibt eindeutige Belege dafür, dass Grüninger Mitglied der pronazistischen und später verbotenen Nationalen Bewegung der Schweiz war. Es ist nicht nur so, dass sein Name bei der beschlagnahmten Mitgliederkartei vorkommt, sondern dass er viele gute Freunde aus diesem Sumpf hatte. Als Beispiel kann man den bekannten brennenden Judenhasser Mario Karrer, den anständige Menschen in St. Gallen mieden, nennen.
Der vermeintlich unvoreingenommene Krummenacher behauptet, dass sie in der Kneipe nur über Fussball gesprochen hätten. «Was Grü­ninger von Karrer hielt und ob die beiden auch über Politik sprachen, ist nicht bekannt.»
Dass an diesem Stammtisch sehr wohl auch über Politik gesprochen wurde, beweisen die Militärjustiz-Akten Grüningers, die der NZZ-Journalist offensichtlich nicht sichtete und deren Erwähnung er in meiner Publikation "übersah" (siehe meine Broschüre Seite 31ff.).

Gegen Krummenachers Behauptung spricht die Tatsache, dass 1941, als Karrer Schwierigkeiten hatte, ein Visum für Deutschland zu erhalten, es ausgerechnet der angebliche «Judenretter» Grüninger war, der laut eigener Aussage,
Karrer vorschlug, seine deutsche Nazi-Kollegen einzuschalten, um Karrer zu helfen. Eindeutig war an diesem Stammtisch Politik ein Thema, denn 1941 wurde Grüninger wegen Verbreitung von Gerüchten verurteilt, die die Bevölkerung verunsichern könnten. Diese Gerüchte hörte er von seinen frontistischen Stammtischkumpeln und einer von ihnen, Anton Frommer, sagte vor dem Gericht: «Ich habe damals noch nicht gewusst, dass Grüninger ein solches Schwatzweib sei, sonst hätte ich ihm nichts gesagt. Grüninger war früher auch anders, erst in der letzten Zeit fängt er an, ständig blöde Bemerkungen zu machen und stets das grosse Wort der Opposition zu führen. Er führt sich seit wenigen Wochen so auf, dass einer meiner Kameraden erwähnte, er leide wohl an Gehirnerweichung

Mit Opposition kann Frommer nur die rechtsradikale «Kameradschaft» gemeint haben, und seine Kritik an Grüninger meint eigentlich, dass dieser früher diskreter gewesen sei (s. meine Broschüre S. 32).

Stockers Ehrung


In seiner Mail versucht Krummenacher den Eindruck zu erwecken, dass er bzw. die Grüninger-Stiftung zu einer adäquaten Anerkennung von Werner Stocker gesorgt habe. Dieser Schein trügt, und zwar gewaltig. Es stimmt zwar, dass auch in verschiedenen historischen Werken Stocker nebenbei erwähnt wird. Eine wirkliche Anerkennung für seine wichtige Arbeit, und zwar nicht nur in Sachen Flüchtlingshilfe, sondern beispielsweise die Würdigung seines wertvollen Beitrags im Kampf für das Frauenstimmrecht, steht noch aus.

Dass
sich Krummenacher mit Stocker nur beschränkt befasste, zeigt allein schon die Tatsache, dass er in seinem Buch schreibt, der SP-Zentralsekretär stamme aus Davos (und nicht wie oben erwähnt aus dem Kanton Aargau).


Da der NZZ-Journalist sich auch nicht mit dem SP-Archiv auseinandersetzte, kommt er auch nicht darauf, welch enormen Schaden Grüninger der SP/SAH-Fluchthilfe nach seiner Entlassung zufügte. Schon Stefan Keller zitierte Grüninger nach seiner Absetzung: «Wenns mi butzt, butzts au de Keel». Valentin Keel war der st. gallische SP-Regierungsrat und Grüningers Vorgesetzter. Es war in der Tat keine leere Drohung, denn Grüninger ging zum jüdisch- und flüchtlingsfeindlichen Schweizerischen Vaterländischen Verband und half tüchtig bei der Hetze gegen Keel. Die Erwartung, dass Keel zu Grüninger öffentlich hätte stehen können, war nicht nur politisch falsch, sondern zeigt einmal mehr, dass den entlassenen Polizeihauptmann Grüninger keine edlen Motive bewegten. Ein Idealist nimmt die Verantwortung auf sich und denunziert bestimmt nicht seinen Mitstreiter.


Es ist auch nicht bekannt, dass Grüninger nach seiner Amtsenthebung seine Verbindung nutzte, um weiterhin bedrohte Juden in die Schweiz hereinzulassen. Lediglich ist offenkundig – wie schon oben erwähnt –, dass er für seinen judeophoben Freund Mario Karrer bereit war, sich in Verbindung mit seinen Nazi-Kumpeln zu setzen, um dem widerlichen Judenhasser Karrer beim Erhalt eines deutschen Einreisevisums zu helfen.

Wie aus einem Brief vom 31. März 1939 der SP St. Gallen an die Parteigeschäftsleitung in Zürich hervorgeht, verursachte auch die Allianz Grüninger-SVV erhebliche Kosten bei den kantonalen Erneuerungswahlen von Valentin Keel. Dieser wäre ohne SVVs «hinterhältigen Angriff» problemlos wieder in seinem Amt bestätigt worden. So entstanden für die kantonale SP erhebliche zusätzliche Kosten, die sie nun von der SPS-Geschäftsleitung verlangten. Sie schrieben: «Wir müssen Sie darum angehen, uns diese Kosten zurückzuvergüten, da diese Aktion vollständig ohne unser Verschulden in die Wege ge­leitet werden musste…».

Dieser letzte Satz deutet – zusammen mit anderen Dokumenten- darauf hin, dass Keel auf Instruktionen des Zentralsekretärs Stocker zugunsten der Flüchtlinge agierte. 


Diese frontale Auseinandersetzung zwischen der SP und Grüninger macht es noch weniger verständlich, warum so viele heutige SP-"Genossen" nicht auf der Seite ihrer eigenen Partei stehen. Da halfen seinerzeit nicht einmal Proteste aus den eigenen Partei-Reihen, wie jene des ehemaligen Bundesrichters Harald Huber. Aus Hubers Brief geht klar hervor, dass Martha Stocker bzw. ihr Mann fest davon überzeugt waren, dass Grüninger «alles andere als ein uneigennütziger Helfer der Emigranten gewesen» wäre.

Ein Journalist, welcher der SP-nahe steht, meint, dass die Figur eines anständigen bürgerlichen Polizeioffiziers, der angeblich seinem Gewissen gefolgt und dafür einen hohen Preis bezahlt habe, also ein Märtyrer, sich offensichtlich besser als Sympathieträger und Projektionsfläche eignet, um gegen die damalige und heutige schweizerische Asylpolitik zu protestieren.
Hanspeter Stocker, Werners ältester Sohn, meinte hingegen, dass interne Partei-Querelen dafür verantwortlich seien, und sein Vater und dessen Geschichte mehrheitlich verdrängt wurden. Vater Stocker gehörte zu einer Fraktion, die auch offen gegenüber Leuten links von der SP waren, und er verfolgte eine undogmatische Haltung. Dem Sohn ging es gar nicht darum, einen Personenkult um seinen verstorbenen Vater zu betreiben, sondern der Wahrheit nachzugehen.

Tatsache ist, dass bis heute keine von den SP von mir kontaktierten HistorikerInnen Interesse gezeigt haben, gemeinsam dieses wichtige Kapitel ihrer Partei sauber zu verarbeiten.

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Publikationen zum Fall Grüninger:
http://shraga-elam.blogspot.ch/2014/02/shraga-elams-publikationen-zum-fall.html


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